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von Till Frommann







Hintergrund: Über Rauhaardackel unter Bundesligafans, Twitter und mich

Gedanken zu Twitter soll ich mir machen, aber mein erster Gedanke ist sofort sehr unseriös: Twitter ist doof, schätzte ich diesen neumodischen Kram ein – vollkommen unreflektiert und vorurteilsbehaftet, versteht sich. Ich mache mir Sorgen darüber, dass ich langsam reaktionär werden könnte.

Ich sitze für meine Recherche mit einer Bekannten in einer Kneipe. “Du twitterst doch?”, frage ich sie. “Kannst du mir erklären, was das soll? Und ist das nicht totaler Unsinn? Und doof?” Ich gebe zu, dass das leicht suggestive Fragen sind.

Meine Bekannte sagt, dass sie per Handy eine Nachricht an alle schreiben könne, die ihren Feed bei Twitter abonniert haben. “Aber das würde doch auch per Massen-SMS gehen”, erwidere ich. Sie nickt. Mit dem Unterschied, dass die Belanglosigkeiten von Twitter nicht auf die Handys ihrer Abonnenten übertragen werden. Jedenfalls nicht in Deutschland.

Auf Katastrophen warten

Das überzeugt mich bisher natürlich noch nicht. Zuhause schaue ich, was sie alles getwittert hat. “Gute Musik macht geile Laune” zum Beispiel. Oder die Nachricht “Hasst Emotionen.” Ist das als Aufforderung zu verstehen? Gut, denke ich mir. Auf Papier wird auch viel Unsinn geschrieben. Das Medium kann nichts dafür, welche Belanglosigkeit mit ihm verbreitet wird.

Zum Beispiel in der Wochenzeitung “Die Zeit”. Da ist auch nicht alles gehaltvoll. Andererseits schreibt Harald Martenstein dort, einer meiner Lieblingskolumnisten. Vor ein paar Wochen hat er sich Gedanken zu Twitter gemacht – und wenn man das in einem Satz zusammenfassen will, sagt er ungefähr das gleiche wie ich. Nämlich, dass Twitter doof ist.

“Als neulich ein Flugzeug in New York notwassern musste, wurde die Nachricht zuerst über Twitter verbreitet, das wurde als Durchbruch des neuen Mediums gefeiert”, schreibt Martenstein. “Ich soll in Zukunft Nachrichten über Flugzeugunglücke bereits eine Minute nach dem Absturz erhalten statt, wie bisher, erst nach einigen Minuten. Einen Vorteil kann ich darin nicht erblicken. Ich kann auf Katastrophen gut warten.”

Zero Life

Sein Fazit: “Was mich, Twitter betreffend, besonders misstrauisch macht, ist der Hype, also die allgemeine Aufregung. Ein Kenner sagt am Telefon: ‘Das ist das nächste heiße Ding im Netz! Es wird alles noch schneller!’ Wenn irgendwas als ‘das nächste heiße Ding’ gehandelt wird, bedeutet dies mit 90-prozentiger Sicherheit, dass es demnächst den Bach runtergeht, genau wie ein ganz heißer Immobilienfonds. Lernen die Menschen niemals?”

Da möchte ich mich nur anschließen. Erinnert sich eigentlich noch jemand an “Second Life”? Das ist auch wieder in Vergessenheit geraten und führt im Netznirvana jetzt ein Zero Life. Angeblich soll es aber noch immer Menschen geben, die in dieser virtuellen Welt ihre Zeit verschwenden.

Nichtsdestotrotz habe ich mir für meine Recherche einen Twitter-Account angelegt. Es ist eine Art Selbstversuch. Meine erste Nachricht an die Außenwelt lautet: “Ich schreibe gerade einen Text über Twitter, der damit beginnt, dass ich mich dazu bekenne, Twitter doof zu finden.”

“Grippe wütet weiter”

Ich suche in Twitter nach Harald Martenstein. Wenig überraschend, dass er keinen Account erstellt hat. Stattdessen finde ich Sascha Lobo, den Martenstein auf einer Feier kennen lernte und den er in seiner Kolumne als “Propheten des Internetzeitalters” bezeichnet. Lobo hatte dem “Zeit”-Kolumnisten Twitter nahegelegt, dieses großartige, nächste heiße Ding im Netz.

Sascha Lobo twittert: “Grippe wütet weiter – gegen Nachmittag werden meine Taschentuchvorräte erschöpft sein. Hoffnung für die gebeutelte Papierindustrie?”

Lobo verteidigt sich und Twitter auf seiner Website: “Dein Kommentar zur Belanglosigkeit von einzelnen Twitterbeiträgen”, spricht er Harald Martenstein dort persönlich an, “entspricht ziemlich genau dem Vorgehen, in einem Zeitungsladen eine einzelne beliebige Zeitschrift aus dem Regal zu nehmen, sagen wir ‘Basteln heute’, dort auf Seite 56 nur eine grauenvoll designte Anzeige für eine Bob-Ross-DVD zu finden und fortan das Medium Zeitschrift als irrelevant abzutun. Wobei – darüber könnte man verhandeln.”

“Rauhaardackel unter Bundesligafans”

Ich klicke den Button “Follow” an, der dazu einlädt, Lobos 140-Zeilen-Nachrichten zu abonnieren – jetzt weiß ich immer, was er gerade macht und ob er immer noch erkältet ist oder es dem armen, kränkelnden Kerl wieder besser geht.

Bei Thomas Knüwer habe ich das auch gemacht. Thomas Knüwer twittert: “Leverkusener sind die Rauhaardackel unter den Bundesligafans.” Ich verstehe erst einmal nicht, worum es geht. Ah. Ein paar Nachrichten davor hat er geschrieben: “Heutige Sportverlustierung: Leverkusen – Werder in Düsseldorf. Nach dem Eishockey-Thriller von gestern droht emotionale Abkühlung.” Anscheinend twittert er über das Spiel direkt per Handy.

Was leben wir doch in modernen und belanglosen Zeiten.

Knüwer schreibt das Medienweblog “Indiskretion Ehrensache” für die Website des “Handelsblatts”. Und mag, natürlich, Twitter. Aber anscheinend auch Harald Martenstein. In seinem Blog bekennt er nämlich, dass er ihn mögen würde. “Oder besser: Ich mag Harald Martensteins Texte, denn ich kenne Harald Martenstein nicht persönlich”, relativiert er. Welche Kolumne er anscheinend nicht ganz so von ihm mochte, war (ganz klar) die besagte über Twitter.

Großer Freund von großen Emotionen

“Es gibt Themen, bei denen weiß ein Blog-Autor: Es wird böse, böse Kommentare hageln”, weiß Knüwer – und ein solches Thema sei Twitter. “Wer positiv über Twitter schreibt, der erntet immer ein paar in wüstestem Ton gehaltene Kommentare, die den 140-Zeichen-Nachrichten-Dienst zu Zeitverschwendung/Blödsinn/Hype erklären.”

Ein Grund mehr für mich, diesen 140-Zeichen-Nachrichten-Dienst zu Zeitverschwendung/Blödsinn/Hype zu erklären. Andererseits mag ich böse, böse Kommentare und Leserbriefe, in denen ich beschimpft werde. Ich bin nämlich ein großer Freund von großen Emotionen.

Zur vermeintlichen Belanglosigkeit von Twitternachrichten erklärt Thomas Knüwer, dass niemand alles lesen müsse und niemand gezwungen werde, ständig etwas zu schreiben. “Es gibt kein Kleingedrucktes, nicht einmal einen Vertrag mit Großgedrucktem, der bei der Anmeldung auf Twitter vorschreibt, dass der Dienst durch den Nutzer innerhalb einer Präsenzzeit, die sich nach Meinung vieler Kritiker auf den gesamten Wachzeitraum erstreckt, zu verwenden sei.”

Ihn würden fast 3000 Menschen bei Twitter mitlesen, schreibt Knüwer, und sieht darin ein Interesse, welches an seinen Texten besteht. Und anscheinend auch am Verbreitungsweg Twitter.

Wehleidige Männer

Was ist so schlimm an Twitter? Zum Beispiel, dass mich dieser Hype dazu verführt, Stumpfsinnigkeiten in die Öffentlichkeit zu schicken – nicht, dass ich das sonst nicht auch tun würde. “Draußen auf der Straße hustet jemand sehr laut und sehr oft. Das erinnert mich daran, dass ich nach draußen gehen sollte. Bei dem Wetter”, texte ich und gähne, während ich mein eigenes Twittergeschreibsel lese. Hoffentlich erkälte ich mich bald auch, dann kann ich fremde Menschen zujammern, wie schrecklich es mir geht. Und erwähnte ich schon, wie wehleidig ich manchmal bin? Aber so sind wir halt, wir Männer.

Was habe ich jetzt also bei meinem Nachmittag mit Twitter gelernt? Zum Beispiel, dass es schwierig ist, Vorurteile abzubauen. Vielleicht ist Twitter wirklich ganz großartig, und ich sehe es bloß nicht. Oder will es nicht sehen wollen. Ich wollte sowieso keine Vorurteile abbauen, sondern bestätigt bekommen, dass ich Twitter doof finde. Das ist unsachlich, wenig objektiv, aber irgendwie auch menschlich. Vielleicht benötige ich einfach nur ein bisschen Zeit, mich mit Twitter anzufreunden.

Denn ist das nicht meistens so bei menschlichen Beziehungen und virtuellen Verhältnissen zu Websites, aber auch beim Umgang mit technischen Geräten? Vertrauen ist nämlich ganz, ganz wichtig, gerade in diesen seltsamen, wundersamen, modernen und belanglosen Zeiten.