auftrag medien. alles inklusive.

von Till Frommann







TV lokal (3): „Crossing Jordan“

Der Pathologe Karl-Friedrich Brrig sitzt in seinem Bro und schaut sich eine Folge der amerikanischen Serie „Crossing Jordan“ an. Weil wir ihn darum gebeten haben. Weil wir wissen wollen, wie wirklichkeitsgetreu Jordan Cavanaugh arbeitet, seine fiktive Kollegin, die immer wieder dabei hilft, Verbrechen aufzuklren, indem sie die Ermordeten untersucht und wissenschaftlich analysiert, wie die Tat verbt worden sein knnte. Brrig leitet das Institut fr Pathologie in Hildesheim und ist niederschsischer Landesvorsitzender des Berufsverbands Deutscher Pathologen. Er muss es beurteilen knnen, dachten wir uns.

„Viele sechzehn-, siebzehnjhrige Mdchen haben sich wegen dieser Serie um ein Praktikum bei mir beworben“, sagt der 54-Jhrige. Zum Teil htten sogar ganze Schulklassen danach gefragt, in seinen Arbeitsalltag hineinschnuppern zu drfen. „Eine Fhrung durch das Insitut ist kein Problem“, sagt Brrig, „aber ein Praktikum ist erst nach der Hlfte eines Medizinstudiums sinnvoll.“

Seit 2003 kann man auf dem Klner Fernsehsender bei der Serie „Crossing Jordan“ beobachten, wie das Team rund um die Titelfigur Jordan Cavanaugh Verbrechen lst. Wie sie sich ungefragt in die Arbeit der Bostoner Polizei einmischt. Wie sie hin und wieder ihren Vater, einen pensionierten Polizisten, um Hilfe bittet, wenn sie bei einem Fall nicht weiterkommt. Durchschnittlich etwa 2,4 Millionen Zuschauer haben in letzter Zeit eingeschaltet, um mitzuraten, wer wen weshalb umgebracht hat.

Karl-Friedrich Brrig hat die ersten Minuten der Folge „Herzlos“ angeschaut. „Ist sie jetzt eigentlich Pathologin oder Rechtsmedizinerin?“, berlegt er, obwohl der in Deutschland hinzugefgte Untertitel „Pathologin mit Profil“ es doch nahelegt: Pathologin natrlich!

„Die Abdrcke stammen vielleicht vom Mrder“, vermutet die Fernsehfrau Jordan Cavanaugh bei der Analyse einer verkohlten Leiche, „analysieren wir sie. Und das Blut auch.“

Karl-Friedrich Brrig kommentiert: „Brandopfer untersuche ich als Pathologe berhaupt nicht. Es kann dabei nmlich nicht ausgeschlossen werden, dass der Mensch bei einer kriminellen Tat ums Leben gekommen ist.“ In solchen Fllen wrde die Kriminalpolizei oder der Staatsanwalt kontaktiert werden und die Untersuchung an einen Rechtssmediziner bergeben.

Also ist sie berhaupt keine Pathologin? „Das alles hat nichts mit meinem Aufgabengebiet zu tun, und ich knnte solche Untersuchungen auch berhaupt nicht durchfhren. Das gehrt nicht zu meiner Ausbildung.“ Tatschlich hat diese irrefhrende Titelergnzung der Serie, dieses „Pathologin mit Profil“, VOX hinzugefgt. Auf der offiziellen Website des amerikanischen Fernsehsenders NBC wird Jordan Cavanaugh als „medical examiner“ bezeichnet – als „rztliche Leichenbeschauerin“.

„Das Berufsfeld der Pathologie kann spannend wie ein Krimi sein“, sagt Karl-Friedrich Brrig, „es beinhaltet jedoch keine kriminalistische Ausbildung.“ Andererseits mssten Rechtsmediziner sich im Bereich der Pathologie auskennen.

Ein paar weitere Minuten, die sich der echte Pathologe die Serie ber die fiktive Pathologin – pardon: wohl eher Fernsehforensikerin – anschaut. Eine Leiche in Groaufnahme, welcher das Herz entfernt wurde. „Das sind nur Bilder, um die Sensationsgier zu befriedigen“, sagt Brrig. Er hlt „Crossing Jordan“ fr einen „klischeehaften Kriminalroman im Umfeld der Gerichtsmedizin“. „Alle Klischees, die es ber die Pathologie und die Forensik gibt, werden gezeigt“, sagt er. „Die Drehbuchautoren wlzen sich frmlich darin.“ Alles jedoch halb so schlimm: „Ich be seit ber 25 Jahren diesen Beruf aus“, sagt er, „da rege ich mich nicht mehr ber so etwas auf.“ Er versuche jedoch, aufklrerisch gegen dieses verzerrte Bild anzugehen, das es ber Pathologen gibt – und es ist gar nicht leicht, jemanden wie ihn zu finden, der gegen das Fernsehklischee ankmpfen will: Fast zehn Pathologen und Rechtsmediziner hatten abgesagt, sich „Crossing Jordan“ anzuschauen und zu kommentieren. „Vergessen Sie´s“, sagte einer. „Mache ich ganz bestimmt nicht“, hatte ein anderer am Telefon gesagt.

„Die Kollegen hatten wahrscheinlich die Sorge, dass ihr Berufsstand falsch dargestellt wird“, sagt Brrig. Dass es wieder einmal darauf hinauflaufen wrde, wie blutig dieses Geschft doch sei. „Man muss nmlich immer mit diesen Vorurteilen kmpfen.“

Dabei gehe die Zahl der Obduktionen zurck – pro Jahr wrden an seinem Institut nur noch etwa 120 Leichen untersucht werden, vor zehn Jahren waren es fast doppelt so viele. ber neunzig Prozent der rztlichen Ttigkeit eines Pathologen ist es nmlich vielmehr, Zellen und Gewebe Lebender zu analysieren. Liegt ein Tumor vor? Eine Infektion? Jede Krebsdiagnose: Von Pathologen erstellt. Und knnte das dort, deutlich mittels Mikroskop zu erkennen, von einer Erbkrankheit hervorgerufen worden sein? All das sind Aufgaben von Pathologen. Und: Je frher solch eine Krankheit dank ihnen erkannt wird, desto hher ist auch der Heilungserfolg. Die Anzahl der Obduktionen, also die direkte Arbeit an Leichen, ist eher rcklufig und nur ein geringer, wenn auch wesentlicher Teil des Berufs.

Jordan Cavanaugh steht im Obduktionsraum. In einem schicken, roten Kostm. Direkt neben einer Leiche. So knnte die Forensikerin auch in einem teuren Restaurant essen gehen. Kein weier Arztkittel. Keine Schutzkleidung. „Glauben Sie wirklich, dass Rechtsmediziner oder Pathologen so angezogen arbeiten?“, fragt der Experte.

berhaupt findet Karl-Friedrich Brrig, dass man Obduktionen nicht im Fernsehen zeigen sollte – weder echte, noch solche nachgestellten wie in „Crossing Jordan“. „Das ist viel zu intim.“ Genauso wenig sollte man jeden Tag Geburten sehen knnen oder oder andere individuelle, intime Lebenssituationen.

Und ganz schn viele Hightechgerte, die den Wissenschaftlern in der Serie zur Verfgung stehen. „Das Aufarbeiten der Proben ist jedoch auch mit diesen Mitteln nicht dermaen simpel, dass einem in so kurzer Zeit so viele Untersuchungsarten zur Verfgung stehen.“

Sein Fazit: „Eine sehr unrealistische Serie.“ Andererseits msse „Crossing Jordan“ berhaupt nicht diesen Anspruch besitzen, findet er. „Raumschiff Enterprise ist ja auch nicht realistisch.“

Der „Tatort“ aus Mnster sei jedoch weitaus nher dran an der Wirklichkeit. „Trotzdem ist dieser ein Grund dafr, dass sich meine Mitarbeiter immer wieder schlapp lachen“, sagt Karl-Friedrich Brrig. Und das nur, weil der von Jan Josef Liefers gespielte Gerichtsmediziner Karl-Friedrich Boerne heit. Die Namenshnlichkeit sei jedoch „totaler Zufall“, heit es auf Anfrage beim WDR.