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von Till Frommann







Hintergrund: Unmoralischer Einkaufsbummel mit wahrgenommenem Rckgaberecht

Er ist kein Krimineller. Behauptet er. Er ist kein Dealer. Erklrt er. Ein groes Missverstndnis sei das alles gewesen, mehr nicht.

Es ist so eine Sache mit der Wahrheit vor Gericht, und manchmal wechselt die Wahrheit im Gerichtssaal fast sekndlich. „Wie oft haben Sie mit Ihrem Freund gekifft?“, fragt der Richter. Antwort: „Ich habe nicht mit ihm gekifft.“ Erste Nachfrage: „Wirklich nicht?“ Erste neue Wahrheit: einmal vielleicht. Nchste Nachfrage: „Ist es vielleicht noch fter vorgekommen?“ Nchste Wahrheit: „Ja, ist es.“ Der Richter wird wtend, immer wieder, denn immer wieder ndert sich der geschilderte Ablauf der Tat. Wort fr Wort fr Wort. Lge fr Lge fr Lge. „Wischiwaschi“, nennt der Richter das.

Wahrheit kann manchmal ganz schn kompliziert sein.

Der um die zwanzig Jahre alte Angeklagte sitzt ruhig auf seinem Platz, die Hnde zusammengefaltet, dabei behauptet er, hyperaktiv zu sein und unruhig und nervs. Ein Grund, um mit dem Kiffen anzufangen sei das gewesen und, natrlich, die Scheidung seiner Eltern. Im Pldoyer wird ihn der Richter als „unreif“ bezeichnen.

Ein „Hochkrimineller“ sei er, wirft ihm der Richter whrend der Verhandlung vor. Ein Dealer. „Bin ich nicht“, rechtfertigt sich der Angeklagte. „Doch, sind Sie“, knallt der Richter zurck. „Na gut, dann bin ich halt kriminell.“ Auerdem hat er „halt einfach“ zwei Kilo Marihuana fr 8000 Euro von einem „guten Freund“ gekauft, den er beim Besuch einer Drogenberatungsstelle kennen gelernt hat. Einen Grodealer! Wo sonst sollte man solch einen freiberuflich ttigen Geschftsmann kennen lernen, wenn nicht dort. Er ist „halt einfach“ mitgefahren nach Nordrheinwestfalen zu einer Drogenbergabe. Aus, wie er sagt, „Langeweile“.

Der „gute Freund“ hatte alles: eine Breitling-Uhr, einen „dicken Benz“ und berhaupt viel, viel Geld. „Darauf bin ich neidisch gewesen.“ Und deshalb sei er auf das Angebot eingegangen, ihm die zwei Kilo Marihuana abzukaufen. Um damit zu dealen?

Nach der ersten bergabe fllt dem Angeklagten auf, dass irgend etwas mit der gekauften Ware nicht stimmt. Da sind nicht nur Drogen drin, da ist noch was reingemischt worden. Sand vielleicht. Er ist gelinkt worden, aber kann es bei seinem „guten Freund“ umtauschen. Nchste bergabe, nchstes Problem. Wieder ist er anscheinend bers Ohr gehauen worden. Diesmal sei mit „Staub“, so der Angeklagte, aufgefllt worden. Ob man einfach so Drogen umtauschen knne, will der Richter wissen. Gibt es ein Rckgaberecht auf Marihuana? „Das ist ein richtig guter Freund gewesen“, lobt der Angeklagte den Grodealer, seinen „guten Freund“.

So geht es die gesamte Verhandlung weiter: Lge. Nachfrage. Neue Lge. Neue Nachfrage. Dann womglich etwas hnliches wie die Wahrheit? Im Gerichtssaal sitzen Vater und Grovater des Angeklagten, die ihm etwas zuflstern wollen – eine weitere Version der Wirklichkeit? Der Richter verweist sie des Raumes, um sie spter vielleicht als Zeugen verhren zu knnen, was er jedoch nicht machen wird.

Wo denn die 8000 Euro seien, die er nach der Rckgabe zurck bekommen haben msste? Einen Teil habe er dem Vater geliehen, fr ein Auto, den anderen habe er verprasst. Was, verdammt, soll man diesem Milchgesicht berhaupt noch glauben?

An der Wand hinter dem Richter sind zur Zierde Hnde als Wandbild aufgemalt, unter anderem nehmende und gebende Hnde. Die Hnde des Angeklagten: immer noch ineinander gefaltet, manchmal gehen sie auseinander, whrend er Halb-, Mittel- und berhaupt keine Wahrheiten von sich gibt. Sein Verteidiger: ist passiv, keine Hilfe, erklrt whrend der Verhandlung, dass er sich ebenfalls ber ihn „wundert“.

Unreif sei der Angeklagte, erklrt der Richter, labil. Auerdem habe er eine „hervorragende Ausgangsposition“ gehabt, um „Grodealer“ zu werden. „Sie lgen sich immer wieder etwas in die Tasche“, ermahnt er den Angeklagten, der das Urteil vollkommen ruhig entgegen nimmt. Hat er etwas zur Beruhigung eingenommen? Ein „negatives Bild“ habe der Angeklagte abgegeben, erklrt der Richter weiter, was an seiner „Persnlichkeit“ liegen knnte. Positiv seien hingegen die einigermaen geregelten Verhltnisse, in denen der Angeklagte lebt. Die relativ groe Chance zum Beispiel, bald wieder einen festen, relativ anstndig bezahlten Job zu bekommen. Feste Familienverhltnisse.

Auf Grund dieser lobenswerten Gesamtsituation wohl auch dieses zutiefst menschliche Urteil: eine zweijhrige Bewhrungszeit. Eine Geldbue von 6000 Euro, vermutlich, weil das Gericht davon ausgeht, dass er noch irgendwo die 8000 Euro haben und nicht einfach so (ganz, ganz schnell) ausgegeben haben wird. Und vielleicht sogar am Wichtigsten: gemeinntzige Arbeit. Zwei Mal im Jahr wird kontrolliert, ob er wieder Drogen konsumiert hat.

Vielleicht wre er besser davongekommen, wenn er vollstndig und wahrhaftig gebeichtet htte, wie es wirklich abgelaufen ist, aber es ist so eine Sache mit der Wahrheit – und das nicht nur vor Gericht.