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von Till Frommann







Hintergrund: Mockumentaries

Reportagen zeigen die Wahrheit und nichts als die Wahrheit? Wenn dem so wre, htte ein Astronaut bereits den Boden der Venus berhrt (zu sehen im, nun ja, Dokumentarfilm „Space Odyssey“ der BBC) und die Musikgruppe „Spinal Tap“ wrde einen internationalen Durchbruch gehabt haben und wre jetzt so bekannt wie, sagen wir, die „Beatles“. Auerdem wre die Wiedervereinigung Deutschlands nicht ganz so friedlich abgelaufen (sondern so, wie die ZDF-Doku „Der Dritte Weltkrieg“ dramatisch zeigt). Alles also Lug und Betrug?

Solche Filme, die vorgeben, etwas zu dokumentieren, aber in Wirklichkeit nur fiktiv sind, werden „Fake-Dokumentationen“ oder auch „Mockumentaries“ genannt. Das englische Wort „mock“ heit bersetzt Flschung, und das ist es auch, was diese Filme machen: Sie tun so, als seien sie echte Reportagen, die die Realitt einfangen, obwohl sie in Wirklichkeit Spielfilme im Stile einer Dokumentation sind.

„‚Fake-Dokus‘ definieren die Medienrealitt neu, indem sie die Zuschauer foppen“, sagt Annegret Richter. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Medienwissenschaft / Medienkultur der Universitt Leipzig. In diesem Semester bietet sie ein Seminar unter anderem zum Thema „Mockumentaries“ an.

Diese Reportagenform wrde mit der Glaubwrdigkeit von Inhalten spielen, sagt sie: „Dokumentarfilme werden uns als die absolute Wahrheit verkauft“, sagt die 31-jhrige Wissenschaftlerin. Gerade die sthetik – Wackelkameras, schlecht ausgeleuchtete Rume, schlechter Ton, Interviews – sorge dafr, dass diese Fake-Dokumentarfilme authentisch wirkten.

„Ein zweischneidiges Schwert“, findet Richter. „Man sollte erkennen, dass die Macher solcher Mockumentaries die Mittel der Dokumentation lediglich fr ihre Zwecke nutzen. Es sollte im Laufe des Filmes offensichtlich werden, dass es sich dabei nicht um einen echten Dokumentarfilm handelt.“

In der ZDF-Geschichtsfiktion „Der Dritte Weltkrieg“ von 1998 heit es daher zu Beginn auch: „Die Ereignisse in diesem Film haben so nicht stattgefunden. Sie sind Planspiele geblieben.“ Die Personen seien entweder frei erfunden, oder – soweit Persnlickeiten der Zeitgeschichte – nie in dem geschilderten Zusammenhang ttig geworden. Weiter heit es in diesem Was-bitteschn-ist-das-hier-eigentlich? am Anfang des Films: „Tatschlich hat die Geschichte einen anderen Verlauf genommen. Zum Glck fr alle.“

Was wre gewesen, wenn die Wiedervereinigung Deutschlands nicht so friedlich stattgefunden htte? Echte Archivaufnahmen demonstrierender DDR-Brger, vermischt mit aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten von beispielsweise George Bush und Helmut Kohl zeigen die Eskalation in den Dritten Weltkrieg. Echte ZDF-Korrespondenten, die bei dieser geflschten Geschichtsschreiberei mitspielen, geben einen weiteren Anstrich an Authentizitt.

Und wenn der Zuschauer mittendrin in solch eine irrefhrende Sendung hineinschaltet? „Die Gefahr besteht immer, dass man den Subtext nicht versteht und dass es Zuschauer mit weniger Medienkompetenz fr bare Mnze halten knnten“, sagt Annegret Richter.

Am kommenden Dienstag (16.1.) zeigt das ZDF den ersten von drei Teilen der Mockumentary „2030 – Aufstand der Alten“, in der mit Hilfe einer fiktiven Zukunftsvision die Probleme gezeigt werden, die mit der heutigen Rentenpolitik entstehen knnten.

„Mit einer normalen Dokumentation wre es schwieriger geworden, das Thema zu visualisieren“, sagt Autor und Regisseur Jrg Lhdorff. Man wre diesem damit nur „sehr nchtern beigekommen“. Mit Zahlen. Statistiken. Statements. Doch auch fr dieses Mockumentary wurde zweieinhalb Jahre lang recherchiert – Lhdorff kam vor einem Jahr zu dem Projekt hinzu und verpasste den Ergebnissen diesen dramaturgischen Rahmen.

Und wenn auch hier jemand hineinzappt? „Bei einigen Elementen knnte es sein, dass der Zuschauer den Film fr eine echte Dokumentation hlt“, sagt Lhdorff – ein „gewnschter Effekt.“ Denn: „Der Schein soll gewahrt werden und den Zuschauer vergessen lassen, dass die Ereignisse nicht echt sind.“ Andererseits: Immer wieder werden in der Zukunft liegende Daten genannt – die Illusion ist folglich schnell erkannt.

Am 13.12. zeigte ein belgischer Fernsehsender ein Mockumentary, in dem vorgetuscht wurde, dass sich der flmische Teil des Landes abgespalten habe. Die Folge: Viele Zuschauer beschwerten sich am darauffolgenden Tag beim Sender, weil sie den verkndeten Skandal fr voll genommen hatten. Das Mockumentary: ein Medienskandal!

Was also ist echt? Was nur inszeniert, wie es teilweise auch bei Doku-Soaps der Fall ist? Annegret Richter weist darauf hin, dass auch bliche Dokumentarfilme „nur die subjektive Realitt“ abbilden wrden. „Es wird oft vergessen, wie viel man zum Beispiel die Aussage des Films durch die Auswahl beeinflussen kann, die der Autor vornimmt. Das sollte man nicht auer Acht lassen.“ Dokumentationen sagen also beileibe nicht die Wahrheit und nichts als die vollstndige Wahrheit. Ganz egal, ob sie die echte, wirklich-wahre Welt abzubilden gedenken oder aber bewusst eine Fiktion erschaffen, die auf Grund ihrer reportagehnlichen sthetik so unglaublich realistisch wirkt.